studentische Verbindungen


studentische Verbindungen
studẹntische Verbindungen,
 
Studẹntenverbindungen, Korporationen, studentische Vereinigungen, Gemeinschaften von (meist männlichen) Studenten (und [berufstätigen] Akademikern), mit dem Status eines eingetragenen Vereins, v. a. an Hochschulen im deutschen Sprachraum; Grundsätze, Umgangs-, Organisations- und auch Sprachformen sind bis heute noch von Traditionen aus dem 18. und 19. Jahrhundert geprägt. Man unterscheidet Farben tragende (Couleur) und nichtfarbentragende (darunter die Schwarzen Verbindungen) sowie schlagende und nicht schlagende Verbindungen (studentisches Brauchtum; Mensur).
 
Die Namen der studentischen Verbindungen sind überwiegend latinisierte Landschafts- und Volksnamen (zu B. Borussia, Rhenania, Saxonia, Silesia). Alle Verbindungen führen ein Wappen, die Mitglieder hinter ihrem Namen einen Zirkel. Eine studentische Verbindung besteht aus studierenden Mitgliedern ([meist männliche] Studenten) und aus den im Berufsleben stehenden oder im Ruhestand befindlichen Mitgliedern, den Alten Herren (Abkürzung A. H.). Die studierenden Mitglieder werden unterschieden in Füchse (Füxe) und Burschen. Zur Teilnahme an allen offiziellen Veranstaltungen verpflichtete Füchse und Burschen werden als Aktive bezeichnet (sie bilden die »Aktivitas«), hierzu nicht mehr verpflichtete Mitglieder in höheren Semestern als Inaktive. Aus dem Kreis der aktiven Burschen werden jeweils für ein Semester Chargierte gewählt. Der erste Chargierte ist der Sprecher oder Senior, der zweite Chargierte der Fechtwart oder (bei vielen nicht schlagenden Verbindungen) Damensenior, der Festlichkeiten, Ausflüge u. a. zu organisieren hat. Hinzu kommt der Schriftwart. Die Betreuung der Füchse obliegt dem Fuchsmajor, jeder Fuchs wählt sich als Vertrauensperson einen Leibburschen.
 
 
An den Universitäten spielte sich das studentische Gemeinschaftsleben früher in der Burse im Verbund der jeweiligen »Nation« ab. Die Vorläufer der studentischen Verbindungen sind im 17. Jahrhundert die alten Landsmannschaften, aus denen sich die Corps entwickelten. Im 18. Jahrhundert wurden nach dem Vorbild der Freimaurerei auch studentische Orden gegründet. Die Befreiungskriege gaben den Anstoß zur Entstehung der Burschenschaften, die wegen ihrer freiheitlich-nationalen Bestrebungen ab 1819 von den Regierungen scharf verfolgt wurden. Ab 1840 entwickelten sich studentische Verbindungen der verschiedensten Richtungen, so die neuen Landsmannschaften, später v. a. die Turnerschaften sowie die Sängerschaft, daneben Gruppierungen, die aus christlich motivierten Erwägungen heraus den Grundsatz der Genugtuung mit der Waffe (»Satisfaktion«; seit 1945 allgemein nicht mehr üblich) und die Bestimmungsmensur ablehnten: der Wingolfsbund, der Farben tragende »Schwarzburgbund« (SB; gegründet 1887) sowie konfessionelle Studentenverbindungen: neben dem Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV; gegründet 1856) u. a. der »Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine« (Köchelverzeichnis), der »Unitas Verband wissenschaftlicher katholischer Studentenvereine« (UV) und der von Letzterem 1924 abgespaltene »Ring Katholischer Deutscher Burschenschaften« (RKDB). Ab 1882 gab es jüdische studentische Verbindungen, ab 1906 den nichtfarbentragenden »Verband der Studentinnenvereine Deutschlands«. Nach 1918 entstand eine Anzahl neuer Verbände, u. a. die »Schwarzen Verbindungen«. Der Versuch der Nationalsozialisten, studentische Verbindungen als »Kameradschaften« in den »Natsoz. Deutscher Studentenbund« und die Altherrenschaften in den »Natsoz. Altherrenbund« einzugliedern, hatte nur teilweise Erfolg. Die meisten der zwischen 1934 und 1938 aufgelösten studentischen Verbindungen wurden nach 1949 in der Bundesrepublik Deutschland rekonstituiert, andere neu gegründet. Sie verbanden sich 1951 - außer den katholischen Studentenverbindungen - zum Convent Deutscher Korporationsverbände (CDK), ihre Altherrenverbände 1950 im Convent Deutscher Akademikerverbände (CDA); beide bestehen seitdem selbstständig nebeneinander, unterstützen sich aber gegenseitig. Höchstes Organ des CDA ist der in der Regel zweimal im Jahr tagende Convent, in dem jeder Verband eine Stimme hat. Die Landsmannschaften und Turnerschaften schlossen sich 1951 zum Coburger Convent (CC) zusammen; seine «Alten Herren« sind im AHCC als Organisastion des CC zusammengeschlossen. Die katholischen Verbände sind im »KV« (wieder gegründet 1947), die schlagenden Verbände in der »Arbeitsgemeinschaft Andernach mensurfechtender Verbände« (AGA; gegründet 1951) zusammengeschlossen. Die im CDA zusammengeschlossenen und die konfessionellen Korporationsverbände arbeiten eng zusammen. Als Folge der Studentenbewegung in den 1960er- und des folgenden gesellschaftlichen Wandels in den 1970er-Jahren gerieten die studentischen Verbindungen weitgehend ins Abseits. Seit Ende der 1980er-Jahre erleben sie wieder Zuspruch.
 
In der DDR offiziell verboten, entstanden ab 1960 informelle, nur das studentische Brauchtum pflegende studentische Verbindungen. Seit 1990 haben mehrere studentische Verbindungen ihren Sitz aus den alten Bundesländern an die Orte ihrer Gründung (v. a. in Thüringen und Sachsen-Anhalt) zurückverlegt oder sich dort rekonstituiert. Anfang des 21. Jahrhunderts existieren in Deutschland in 28 Verbänden über 950 Korporationen (nur aktive Bünde) mit fast 150 000 Mitgliedern (davon 21 600 Aktive und Inaktive) sowie etwa 90 freie Verbindungen mit 9 400 Mitgliedern (900 Aktive).
 
Von einzelnen früheren Gründungen abgesehen, bildeten sich in Österreich studentische Verbindungen seit 1850. Sie schlossen sich meist den entsprechenden reichsdeutschen Verbänden an. In der Schweiz entstanden die ersten studentischen Verbindungen 1819; zu nennen sind u. a. der »Schweizerische Zofingerverein« (lateinisch »Zofingia«; gegründet 1819) und die »Helvetia« (gegründet 1832).
 
 
Auf Dtl.s hohen Schulen. Eine illustrierte kulturgeschichtl. Darst. dt. Hochschul- u. Studentenwesens, hg. v. R. Fick u. a. (1900, Nachdr. 1997);
 
Das akadem. Dtl., hg. v. M. Doeberl u. a., 4 Bde. u. 1 Register-Bd. (1930-31);
 P. Gladen: Gesch. der student. Korporationsverbände, 2 Bde. (1981-85);
 P. Krause: Studiosus Austriacus (Wien 31982);
 H. Grimm u. L. Besser-Walzel: Die Corporationen (1986);
 P. Gladen: Gaudeamus igitur. Die s. V. einst u. jetzt (21988);
 
Korporationen u. Nationalsozialismus, hg. v. F. Golücke (1989);
 M. Studier: Der Corpsstudent als Idealbild der Wilhelmin. Ära (1990);
 
Füxe, Burschen, alte Herren. Studentische Korporationen vom Wartburgfest bis heute, hg. v. L. Elm u. a. (21993);
 P. Ehinger: Die alte Schale nur ist fern (Zofingen 1994);
 
Blut u. Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften, Beiträge v. D. Heither u. a. (1997);
 H. Brunck: Die Deutsche Burschenschaft in der Weimarer Republik u. im Nationalsozialismus (1999).

Universal-Lexikon. 2012.

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